Was bleibt, ist Ratlosigkeit


51:49% aller Türken stimmen für die Verfassungsänderung und mehr Macht für den türkischen Präsidenten Recep Erdogan. So weit das Ergebnis. Wenig verwunderlich, wenn man mich fragt. Zu keiner Sekunde habe ich daran gezweifelt, dass Erdogan nicht als Sieger aus dem Referendum hervorgehen würde. Und damit meine ich nicht, weil er die Medien für sich beansprucht und die Opposition im Vorfeld medial abgeschnitten hat. Oder weil ich glaube, dass nicht alles mit rechten Dingen bei der Auszählung zugegangen ist, auch wenn das "böse Zungen" behaupten. Die allgemeine Grundstimmung hat mich glauben lassen, dass nur Erdogan gewinnen kann. Und mein Gefühl hat sich bewahrheitet.

Was haben Brexit, Trump und Referendum gemeinsam? Schaut man sich das Ergebnis genauer an, erkennt man ganz viele Parallelen zum Brexit und zu Trump. Wieder einmal haben die Dörfer über das Schicksal eines Landes entschieden. Während damals beispielsweise London und New York für demokratische Werte wählten, haben sie außerhalb der Großstädte anders entschieden. So auch in der Türkei. Istanbul, Ankara und Izmir stimmten gegen das Präsidialsystem Erdogans, und verloren.

Vorschnelles Urteil? Menschen in Großstädten haben viel mehr Berührungspunkte mit anderen Kulturen, Werten und Menschen. Sie leben seit Jahrzehnten in Multi-Kulti, haben Freunde aller Couleur. So auch in Istanbul, Ankara und Izmir. Wer sich ein schnelles Urteil erlaubt, behauptet, dass Berührung und Begegnung Ängste abbaut. Die Menschen vom Dorf müssten einfach für bestimmte Zeit in die Großstadt ziehen, dort leben und alle Protestwähler würden abgeschafft. Dann gäbe es weder Brexit und Trump, noch das "Ja"-Lager fürs Referendum in der Türkei.

Doch was ist dieses Mal anders? Ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Während die türkischen Großstädte gegen die Verfassungsänderung gestimmt haben, haben in Deutschland fast alle Großstädte dafür gestimmt. Berlin, München, Köln - alle haben sie "ja" gesagt. Und all diese Städte sind Multi-Kulti. Es scheint mehr zu sein, als Begegnung.

Um was geht es dann? Es geht ganz viel um Perspektive. Wer eine hat, braucht keine Veränderung. Wer keine hat, braucht ein Ventil. Großstädte behalten in der Regel viele Perspektiven vor - eine Fülle an Jobs, Bildungszugang und Kultur. Wieso aber haben die deutschen Großstädte dann dagegen entschieden? Hat die Integration der Türken in deutschen Großstädten fehlgeschlagen? Hat fehlende Integration und Perspektivlosigkeit der Türken in Deutschland das Referendum in der Türkei zu Ungunsten Istanbuls, Ankaras und Izmirs entschieden?

Hätten wir das nicht verhindern können? Integration ist nicht immer nur einfach, aber sie gelingt. Aber sie muss angegangen werden. Wenn wir sie nicht angehen, war das nicht die letzte Wahl mit ratlosem Ausgang.

Autor: Michael