Jeder Mensch hat eine 2. Chance verdient

Rechtsextremismus ist die größte Bedrohung unserer Gesellschaft. Da ist sich die Wissenschaft einig. Wichtig demnach, dass wir Lösungen entwickeln. Eine davon: Rechtsextremismusprävention. Eine weitere: Deradikalisierungs- und Aussteiger:innenprogramme. Wir haben mit der 29-jährigen Alina gesprochen. Sie arbeitet mit Rechtsextremen in einem Deradikalisierungs- und Aussteiger:innenprogramm und gibt spannende Einblicke in ihren Beruf.

„Natürlich habe ich eine gewisse Faszination für die Arbeit, aber man darf den Job nicht aus voyeuristischem Interesse machen“, erzählt Alina, die nicht Alina heißt, doch aus Anonymitätsgründen so genannt wird. Viel wichtiger sei die pädagogische Haltung, um einen guten, professionellen Job zu machen. Alina arbeitet in einem Deradikalisierungs- und Aussteiger:innenprogramm für rechtsextreme und rechtsaffine Jugendliche und Erwachsene. NinA NRW – Neue Wege raus aus der Rechten Szene – heißt das Projekt, in dem sie arbeitet.

Alina und ihren Kolleg:innen spezialisieren sich auf rechtsextreme und rechtsaffine Jugendliche und Erwachsene Die meisten davon sind weiße Männer zwischen 20-30 Jahren. „Wenn wir von extrem rechts sprechen, schauen wir nicht nur nach organisierten Strukturen. Extrem rechts beginnt eben auch schon in den Einstellungen der Menschen, daher auch rechtsaffin“, erklärt Alina. Ebenso orientiere man sich an der sozialwissenschaftlichen Definition, die per se erstmal von Ungleichwertigkeit, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Demokratiefeindlichkeit, Nationalismus und jeder Form von menschenbezogener Ausgrenzung wie Antisemitismus etc. ausgehe.

„In unseren Programmen haben wir Aussteiger:innen aus allen Milieus.“ Von Bürgerwehren, Skinheads und Hooligans über Rocker bis hin zu Neuen Rechten sei alles dabei. Besonders aktuell und ein Problem für die Zukunft: Verschwörungstheoretiker:innen und die – vermeintlich intellektuellen – Neuen Rechten. „Während die alten Nazis häufig andere Hilfesysteme wegen Drogen- oder Alkoholkonsums in Anspruch genommen haben oder wegen ihrer kriminellen Machenschaften von der Justiz beobachtet wurden, sind die neuen Nazis schwieriger zu erreichen.“ Sie seien online sehr gut vernetzt, kleiden sich hipp, geben sich mehrheitsgesellschaftlich und sprechen von Ethno-Pluralismus statt Ausländerhass. Das kommt an. Der Rassismus im neuen Gewand erobert die Parlamente, so wie die Wahlergebnisse der AfD.

Wenn Leute aussteigen wollen, hat das vier Gründe, erklärt Alina:

  1. „Hinauswachsen“: Ihre Ideologie ist nicht mehr zeitgemäß aufgrund eines persönlichen Reifeprozesses bspw. durch neue Perspektiven wie berufliche Veränderungen oder Familienplanung.
  2. Distanzierung innerhalb der Gruppe wegen bestimmter Vorfälle. Die Gruppe steht über dem Individuum und bei besonderen Vorkommnissen kommt es zu Entfremdung.
  3. Soziale Beziehungen außerhalb der Szene (der nette Mensch mit Migrationshintergrund als Kolleg:in beim Arbeitgeber oder die neue Freundin mit anderer Gesinnung).
  4. Institutionelle Sanktionen: z.B. Leute kommen ins Gefängnis und reflektieren ihr Handeln oder im Schulkontext. Viele Einflüsse sind denkbar.

Ganz praktisch sei ihre Arbeit einfach super spannend. „Ich treffe viele Menschen, habe vielfältige Aufgabenbereiche, begleite Menschen auf dem Weg zu einer Persönlichkeitsveränderung und kann Lobbyarbeit für Rechtsextremismusprävention betreiben“, berichtet Alina. Natürlich habe sie vor der Bewerbung darüber nachgedacht, ob sie die Richtige für den Job sei oder ob die mentale Belastung eventuell zu hoch ist. „Wer, wenn nicht ich?“, ist ihre ebenso selbstverständliche, wie sich selbst herausfordernde Antwort auf die Frage. „Ich kann diese Arbeit machen. Wie wäre die Arbeit wohl für Menschen, die von Rassismus betroffen sind?“, vergleicht sie.

Jeder Mensch hat eine 2. Chance verdient

Die Arbeit sei nicht immer leicht. Es gäbe besonders schwere Schicksale oder besonders schwere Verläufe der rechtsextremen Karrieren. „Wieso habe ich mit manchen Leuten Mitleid? Und wieso bringt mich diese Person so sehr auf die Palme“, seien Fragen, die einem öfter durch den Kopf schössen. Dafür habe das Team kollegiale Fallberatungen untereinander organisiert, damit man gemeinsam Strategien und die richtigen Umgangsformen für die jeweiligen Situationen entwickle. Schließlich sei es so, dass jeder Mensch eine 2. Chance verdient habe – jede:r, ausnahmslos. Die Frage sei nur, ob man immer die richtige Ansprechperson für den Fall sei. Im Zweifelsfall müsse man mit einer Kollegin oder einem Kollegen tauschen.

Ein paar Maxime hat sich Alina bereits antrainiert. Sie versuche stets jede Person wertzuschätzen und die Einstellung abzulehnen. Es helfe, das zu voneinander zu trennen. Auch erlaubt sie sich, Haltung zu zeigen. Sie müsse nicht neutral sein. Sie äußert ihre Meinung ganz deutlich gegenüber den Klient:innen. Und das tue nicht nur sie, sondern ist ein akzeptiertes Verhalten innerhalb des Teams, das sich wie ein bunter Strauß an Menschen zusammensetzt. Das Team besteht aus Sozialpädagog:innen, Sozialarbeiter:innen, Psycholog:innen und Historiker:innen. Aber: „Wir waren schon mal bunter.“

Ob sie schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht habe verneint Alina. „Manchmal ist es ärgerlich, wenn man wegen des Geschlechts oder des Alters nicht ernstgenommen wird“, doch das käme nicht allzu oft vor. Unsicherheit wegen ihres Jobs spüre sie nicht, dafür habe das Team zu gute Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme an dem Programm sei beispielsweise der Szeneausstieg.

Eigentlich sind es eher andere Dinge, die sie sich für die Zukunft wünsche. Schön wäre z.B. eine Verstetigung ihres Arbeitsplatzes. Die Einjahresverträge sorgen für Unsicherheit und dafür, dass gute Leute das Team immer wieder verlassen müssen. Auch für Alina eine Option, die nicht ewig einen prekären Job machen möchte. Das zeuge schließlich von fehlender politischer und gesellschaftlicher Wertschätzung für diese wichtige Arbeit. Weitere Ausstiegsszenarien kann sie sich gerade nicht vorstellen, dafür sei die Arbeit zu vielfältig. Wobei: „Wenn ich Kinder bekäme würde ich wegen des Sicherheitsgefühls vielleicht noch einmal darüber nachdenken.“

Auf die Frage, wann man die Menschen aus dem Programm entlasse, gibt es keine konkrete Antwort. Das Ziel ist die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die Bekennung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und pluralistischen Gesellschaften. Dass die Menschen eine politische 180-Grad-Drehung einlegten, sei eher nicht der Fall. Viele würden einfach unpolitisch und arbeiten an ihren Persönlichkeiten. Viele haben mit Selbsthass und massiven Schuldgefühlen zu kämpfen, wollen ihre Gewalttendenzen ablegen oder ihre psychische Störung überstehen. Alles, woran man das ganze Leben geglaubt habe, bricht weg und die soziale Isolation mache zu schaffen.

Und doch gäbe es viele Erfolgsgeschichten, die die Bedeutung dieser systemrelevanten, unterstützenswerten Arbeit zeige: „Ich freue mich, wenn mich meine Klient:innen anrufen und das N-Wort nicht mehr benutzen oder sich selbst korrigieren, wenn sie Behinderter gesagt haben. Dann weiß ich, dass sie reflektieren und unsere Arbeit etwas gebracht hat.“

In diesem Sinne: Vielen Dank, Alina - für dieses Interview und dein und euer Engagement in einem Job, von dem wir als Gesamtgesellschaft, deine Klient:innen und – am allermeisten – die von Rassismus betroffenen Menschen profitieren.

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